Heinz Vettermann

Wiener Gemeinderat aus der Josefstadt

Achtsamkeit

Viele Menschen in unserer heutigen Zeit haben den Bezug zu sich und der Umwelt verloren. Ein Mittel den Kontakt wieder herzustellen ist die Schulung von Achtsamkeit.

Einige Gedanken zur Weihnachtszeit – abseits von tagespolitischer Aktualität.

Meine Beschäftigung mit dem Thema resultiert sowohl von meinen politischen und gesellschaftlichen Aktivitäten wie in meiner Jugend Schülervertreter und danach Jugendvertrauensrat bis zu meinem heutigen Mandat als Landtagsabgeordneter und Gemeinderat in Wien. Durch zeitliche Überlastung habe ich mich früh mit Yoga und autogenem Training beschäftigt um körperliche und mentale Ausgeglichenheit zu üben. Durch ein intensives Erlebnis bei einer Yoga-Meditation setzte ich mich mit dem Zen-Buddhismus durch Lesen von Büchern auseinander. An meinem 40ten Geburtstag beschloss ich Zen auch wirklich zu praktizieren weil ich sonst in diesem Leben vermutlich nicht mehr begonnen hätte. Ich übe seither regelmäßig in der Zen-Tradition von“ Sanbo-Kyodan“, einer japanischen Zen- Gruppe. In Wien praktiziere ich in der Zen-Gruppe Wien, die Christen, Buddhisten und spirituell Interessierte umfasst.  Im Moment beteilige ich mich unter anderem auch an der Arbeitsgruppe „Achtsame Wirtschaft“  und versuche mitzuhelfen eine Wiener Gruppe aufzubauen. Um das Thema Achtsamkeit auch in die Wirtschaft zu tragen. Durch die vielen Aktivitäten im politischen und buddhistischen Zusammenhang merke ich die positiven Früchte einer fünfzehnjährigen Übung, die im Alltag versucht Achtsamkeit zu kultivieren an mir selbst, im wahrsten Sinne am eigenen Leib.

Gerade in den letzten Jahren ist der Druck in der Arbeitswelt sowohl durch die wirtschaftliche Krise und den damit verbunden Rationalisierungen gestiegen als auch die Menge an Informationen und die Geschwindigkeit mit der sie auf uns einprasseln. Der Leidensdruck der Überforderten steigt und gleichzeitig fühlen Arbeitslose und am Rande stehende eine gähnende Leere. Im persönlichen Bereich kann Achtsamkeit helfen aktiv zu bleiben und weder durch Über- oder Unterforderung gelähmt zu werden. Das ist notwendig wenn man sowohl persönlich sich selbst als auch politisch die Umwelt verändern möchte. 

Dauerhafte Ablenkung reißt die Aufmerksamkeit solange hin und her bis gar keine Konzentration mehr stattfinden kann. 

Dem entgegenzuwirken bedeutet möglichst bewusst nur eines zu tun, nur Tee trinken, nur lesen, nur Texte schreiben etc. und damit den Fokus ganz auf die jeweilige Tätigkeit zu richten. Falls möglich die Tätigkeit auch ganzheitlich wahrnehmen; beispielweise meine Hand schmerzt vom Schreiben am Computer, der Rücken verlangt nach einer Streck- und Dehnpause, der Tee duftet.

Diese Übung geht einher mit dem Versuch auch im weiteren Sinne achtsam gegen sich selbst zu sein, ein Gewahrsein von ‚was spüre ich?‘, ‚was fühle ich?‘, ‚was brauche ich jetzt?‘.

Denn auch die Entfremdung von sich selbst ist heute immer häufiger und damit verbunden ist die Gefahr, ein Ersatzleben von der Werbung diktiert zu bekommen. Obwohl man bei dem Versuch sich wahrzunehmen nicht stehenbleiben soll – denn es geht ja um das Wohl auch der Anderen und der Umwelt – ist die Bewusstheit von meinen inneren Prozessen ein notwendiger Ausgangspunkt um sich positiv nach außen öffnen zu können.

Hier kommt die Meditation und Innenschau ins Spiel.

Zwar geht es in der Zen-Meditation letztendlich darum seine wahre Natur zu erkennen und das Ich als Illusion zu erkenne, aber am Anfang steht der Versuch Klarheit zu gewinnen über Prozesse die in mir ablaufen.

Der chinesische Zen-Meister Rinzai (Lin Ji) beschreibt in seinen berühmten „Vier Ansichten“ verschiedene Zustände der Wahrnehmung. Eines Abends sprach der Meister zur Gemeinschaft:

„Manchmal nehme ich den Menschen weg und nehme die Umgebung nicht weg.

Manchmal nehme ich die Umgebung weg und nehme den Menschen nicht weg.

Manchmal nehme ich beide weg, sowohl den Menschen als auch die Umgebung.

Manchmal nehme ich weder den Menschen noch die Umgebung weg.“

Die erste Aussage beschreibt einen Zustand bei dem ich ganz in meiner Tätigkeit aufgehe, wenn ich eben nur schreibe, nur wasche, nur kehre. Bei einer Arbeitsmeditation oder auch bei einer ganz üblichen Hausarbeit oder auch Lohnarbeit kann das Ich ganz verschwinden und die Zeit vergeht wie im Flug.

Die zweite Aussage beschreibt den Vorgang bei einer Meditation wenn ich die Aufmerksamkeit ganz nach innen richte, zb auf den Atem. Dann bleibt der Mensch bestehen aber die äußeren Eindrücke treten zurück, sie sind wie weggenommen wenn die Geistberuhigung eintritt.

Die dritte Aussage ist eine über die beiden ersten hinausgehende. Es kann gelingen den Gegensatz zwischen Innen und Außen aufzuheben und einen Blick in die Nicht-Dualität zu erreichen in der alle Phänomene als leer im Sinne von ohne beständiges Selbst seiend, erkannt werden. Auch eine solche seltene und tiefe Erfahrung ist nicht von Dauer und man kehrt in die Alltagswelt zurück.

Die vierte Aussage beschreibt die Symbiose von der Erfahrung der Leerheit und dem ganz in der Welt sein. Achtsamkeit würde im Tiefsten bedeuten, sich selbst und seiner Umgebung voll bewusst zu sein und nicht sich in der Tätigkeit zu verlieren oder wie manchmal in der Sitzmeditation ausschließlich bei sich zu sein. Aus buddhistischer  Sicht wäre es ein Ziel  sein Ego dabei gleichzeitig als Illusion zu durchschauen.

Als normal arbeitende ,nicht erleuchtete‘ Menschen ist es schon sehr hilfreich zu versuchen sich nicht in Träumereien und Grübeleien zu verlieren oder ohne Bewusstheit in die Arbeit abzugleiten sondern sich und seiner Tätigkeit bewusst zu sein.

Wobei ein Irrtum oft vorkommt, nämlich dass im „Hier und Jetzt“ sein, bedeutet einfach in den Tag hinein zu leben und sich von momentanen Gefühlen und Eindrücken überwältigen zu lassen.

Gerade der Buddha hat in seiner Lehre „ Über die Kenntnis vom besseren Weg allein zu leben“ zwischen richtiger und falscher Achtsamkeit unterschieden.

Falsch ist es „der Vergangenheit nachzulaufen, sich in der Zukunft zu verlieren oder sich von der Gegenwart hinweg treiben zu lassen.“

Die beiden ersten Aussagen sprechen für sich selbst. Denn es gibt keine andere Zeit in der ich handeln und leben kann als die Gegenwart. Die Vergangenheit ist nicht mehr änderbar und die Zukunft immer von Unwägbarkeiten mitgeprägt. Sich im Grübeln und Träumen zu verlieren ist daher lähmend für die Gegenwart. Wer sich aber Gedanken macht ohne anzuhaften ist achtsam. Daher bedeutet Achtsamkeit nicht in den Tag hinein zu leben sondern ohne Anhaftung und im Bewusstsein der momentanen Zustände in mir und der äußeren Bedingungen zu handeln. Dabei ist die Erkenntnis von Ursache und Wirkung notwendig, um heilsam für mich und die Umwelt zu agieren, denn wenn ich erkenne dass der Moment geprägt ist von vielen vergangenen Handlungen und es daher nicht egal ist was ich tue, kann ich mich darin üben positive Handlungen zu setzen. Aus der Vergangenheit lernend, handle ich so dass in der Zukunft positive Ergebnisse möglich sind. Wobei mir der übende und daher liebevolle Umgang mit sich selbst wichtig ist um in einer freundlichen Gelassenheit mögliche Rückschläge auffangen zu können ohne das Einüben der Achtsamkeit ganz bleiben zu lassen. Immer wieder neu beginnen, neu üben, hält die Praxis frisch und hat die dauerhaftesten Ergebnisse.

Achtsamkeit ist die übliche deutsche Übersetzung des Pali Begriffs „sati“ , eigentlich ein Begriff aus den indischen Veden im Sinne von sich erinnern, sich besinnen oder ins Gedächtnis rufen der durch den Buddha eine Bedeutungserweiterung erfuhr in Richtung Geistesgegenwart und Gewahrsein. Mir gefällt die Definition von Tich Nhat Hanh, einem vietnamesischen Zen-Lehrer am besten, der von einem klaren Blick was in uns und um uns ist, spricht.

Nachdem das deutsche Wort Achtsamkeit auch ursprünglich für Achtgeben verwendet wurde bekommt es in diesem neuen Sinne ebenfalls eine Bedeutungserweiterung, welche aber für Missverständnisse anfällig ist. Im englischen wurde für „sati“ ein neues Kunstwort geschaffen und mit dieser buddhistisch inspirierten Bedeutung aufgeladen, nämlich „mindfulness“. Dieses Wort ist vermutlich weniger gefährdet mit anderen Bedeutungen verwechselt zu werden wie die deutsche Achtsamkeit die auch oft gleich wie Aufmerksamkeit verwendet wird. Mir geht es aber nicht einfach um eine Konzentrationsübung, wenn auch das wichtig ist. Denn ich kann auch konzentriert und aufmerksam allerlei Unheilsames und Gefährliches vollbringen wie Taschendiebstahl, der oft sehr aufmerksam und einfühlsam durchgeführt wird. Die Frage was verringert Leid für mich und für die Umwelt ist daher ein wesentlicher zusätzlicher Parameter für Achtsamkeit. Nachdem das Wort Achtsamkeit aber eingeführt ist versuche ich nicht ein persönliches Kunstwort zu erschaffen sondern eine Annäherung an den ursprünglichen Pali-Begriff um den heutigen Anforderungen zu entsprechen. Sprache wandelt sich und Begriffe wandeln ihre Bedeutung mit.

Gerade im Gesundheitswesen und der Therapie gewinnt Achtsamkeit immer größere Bedeutung. Der US- Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn entwickelte ein von buddhistischer Achtsamkeits-Meditation stark beeinflusstes Trainingsprogramm zur Stressreduktion mit dem Namen Mindfulness-Based-Stress-Reduction kurz MBSR. Ausgangspunkt war hier die Vipassana (Einsicht, Verständnis)-Meditation, bei der Körper, Geist und die Phänomene der Umwelt analytisch untersucht werden. Ziel dieser Meditation ist es zu der tief gehenden Einsicht zu gelangen dass alle Erscheinungen von Vergänglichkeit und keinem dauerhaften Selbst geprägt sind.

Beim MBSR-Intensivtraining, welches acht Wochen dauert werden in der Stress Reduction Clinic neben Bluthochdruck, chronischen Schmerzen und anderen Krankheiten, bei denen Stressbelastung nachweislich eine Rolle spielt auch, allerdings als Zusatztherapie, schwere Krankheiten wie Krebs oder Aids behandelt. Dabei wird wöchentlich ein zweistündiger Kurs besucht, bei dem neben Formen der Achtsamkeitsmeditation auch Achtsamkeit in belastenden Situationen und bei sozialen Interaktionen geübt wird. Die Wirkungsforschung zeigt, daß eine regelmäßige Praxis zu einer verbesserten Aufmerksamkeits- und vor allem Emotionsregulation führt. Ob diese Effekte dazu beitragen Krankheiten zu verlangsamen oder gar zu heilen ist noch nicht nachgewiesen. Es existieren aber sehr viele Studien, die den Einsatz als sinnvoll ausweisen und so wird MBSR in hunderten Kliniken und Gesundheitszentren angewandt.

Die gute Botschaft für gesunde Menschen ist, dass sich Stress reduzieren lässt und damit belastende Situationen in Richtung Zufriedenheit und Gelassenheit verändert werden können und damit auch Erschöpfungsdepressionen vorgebeugt werden können.

Aber nicht nur dieses Programm zeigt, dass es möglich ist Achtsamkeit zu schulen. Erste Erfolge zeigen sich bei einem durchschnittlich gestressten Büromenschen oft schon nach einer Woche.

Wenn ich täglich innehalte und drei bis viermal bewusst die Aufmerksamkeit bündle wird es mir nach einer Woche schon deutlich leichter fallen. Einmal am Tag sollte zwischen 10 – 25 Minuten eine absichtslose Innenschau erfolgen – beispielsweise nur den Atem beobachten, ein und aus…, ganz bei mir bleiben. Mir selbst ist es am leichtesten gefallen wenn ich den Atem gezählt habe ein 1, aus 2 und so weiter bis 10 und dann wieder beginne. Falls ein Gedanke kommt, einfach bei 1 wieder beginnen, die Gedanken kommen und sie gehen auch wieder…..

Bei den übrigen Versuchen ganz im Hier und jetzt zu sein ist es wichtig tatsächlich bei der Sache zu bleiben. Nicht während ich meine Mails bearbeite, Zeitung lesen einen fiktiven Dialog führen oder den Einkauf planen. Nur dieses Eintauchen in die Tätigkeit oder die ruhige Innenschau und Atembeobachtung übt unsere Aufmerksamkeit. Trotzdem kommen sicher Gedanken. Hier gilt eben, nicht ärgern nur wahrnehmen, sie kommen und gehen wie Wolken die vorbeiziehen, manchmal schneller manchmal langsamer. Dabei ist es oft erstaunlich wie schnell erhaben Gedanken über den Sinn der Welt oder über die Liebe wieder gehen und wie hartnäckig sich das neue Sofa hält. Aber alle Vorstellungen verschwinden wenn man die Aufmerksamkeit neu ausrichtet.

Auch Tätigkeiten im Haushalt wie Staubsaugen oder Staub wischen etc. eigen sich um Achtsamkeit zu üben.

Gerade im Zen wird das Üben im Alltag sehr geschätzt, worüber auch einige Buchtitel Auskunft geben, wie “Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ oder “Zen und die Kunst des Bogenschiessens“.

Neben den alltäglichen und persönlichen Wirkungen bei der Entwicklung von Achtsamkeit, haben die positiven Auswirkungen auf die Mitmenschen und die Umwelt für mich auch eine gesellschaftliche Relevanz. Denn die Ellbogengesellschaft ist auf jene Menschen angewiesen, die unachtsam zu sich und den Anderen sind. Wenn aber mehrere/viele dieses Muster durchbrechen sind große Veränderungen möglich, denn jeder dauerhafte Wandel braucht Änderungen in der äußeren Welt und im inneren Erleben, wobei beides wechselseitig Ursache und Wirkung sein kann und ist.

Dazu ist aber Übung notwendig. Auch dieser Weg ist harte Arbeit, die sich lohnt weil das Ergebnis ist, dass man Gedankenketten unterbrechen und negative Emotionen fallen lassen kann und der/die Übende dadurch freier wird. Freundliche Gelassenheit mit den eigenen Unvollkommenheiten kann helfen, sich nicht zu überfordern und die notwendige Konsequenz aufzubringen. Im Nachhinein wird nach Jahren der Übung auch Achtsamkeit ähnlich wie Schifahren, Kochen oder Tanzen leicht und anstrengungslos. Wichtig ist anzufangen, möge die Übung gelingen. 

Willkommen!

Dieser Blog soll künftig über meine Aktivitäten, Ideen, Interessen und grundsätzlichen Überlegungen informieren. Die Josefstadt als meine Heimat und mein Herzensbezirk wird dabei eine besondere Stellung einnehmen. 

Da ich schon als Jugendlicher gesellschaftlich und politisch aktiv war – bei einer Schülerzeitung und danach als Jugendvertrauensrat – ist mir das Eintreten für soziale Gerechtigkeit und gegen Bevormundung ein wichtiger Antrieb.

Heute versuche ich diese Ideen als Wiener Gemeinderat und Landtagsabgeordneter voranzutreiben und als Vorsitzender der SPÖ-Josefstadt. Als Bildungssprecher setze ich mich gerade bei der Bildung besonders für Chancen für alle Kinder ein – unabhängig von der Brieftasche oder der Vorbildung und Herkunft der Eltern.

Als systemischer Berater und Kommunikationstrainer interessieren mich besonders Themen der Erwachsenenbildung und des lebensbegleitenden Lernens.

Da ich selbst Zen praktiziere und die positiven Wirkungen von regelmäßiger Meditation erfahren habe, bin ich ehrenamtlich als Generalsekretär der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft tätig. Weiters bin ich im Netzwerk Achtsame Wirtschaft im Kernteam aktiv und versuche, Nachhaltigkeit auch in der Wirtschaft zu fördern. In der Politik trete ich für einen achtsamen und wertschätzenden Umgang miteinander ein.

Auch persönliche Überlegungen z. B. zu Wohngemeinschaften, zum Generationenwohnen oder auch zur Kultur sollen vorkommen, falls ich sie für teilenswert halte.

Ich freue mich wenn Du/Sie öfter hier vorbeischaust!

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